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Aktuell / Wirtschaft / AWD jetzt abhängig? Kampf der Giganten!

AWD jetzt abhängig? Kampf der Giganten!

Zu grotesk erschien es doch der Nummer eins der Allfinanzvertriebe, dass die Nummer zwei nach der Übernahme durch den Schweizer Versicherer Swiss Life immer noch mit Werbeslogans wie „Unabhängiger FinanzdienstleisterHannover. Schön waren die Worte, mit denen AWD-Gründer Carsten Maschmeyer sein Vorwort im Geschäftsbericht 2005 beendet: „Unseren Beraterinnen und Beratern bieten wir europaweit berufliche Perspektiven und die Gewissheit, bei einem der führenden Unternehmen der Branche erfolgreich zu sein. Als Unternehmen wollen wir wachsen und Werte schaffen. Das ist Unabhängigkeit, die sich auszahlt – Unabhängigkeit für Ihre Zukunft.“

Die Zukunft kann dabei sehr kurz sein, wie der AWD nun feststellen musste. Ausgerechnet ein ehemaliger Flakhelfer und seine Deutsche Vermögensberatung AG haben den Konkurrenten vor Gericht gebracht und gewonnen. Der Kampf der Giganten geht in die nächste Runde! Es war seinerzeit im Rahmen einer Presseveranstaltung in Frankfurt am Main, als der Erfinder der Allfinanz und Gründer der Deutschen Vermögensberatung AG (DVAG), Prof. Dr. Reinfried Pohl, fast beiläufig den Hinweis gab, dass man gegen AWD bezüglich seiner „Unabhängigkeit" gerichtlich vorgehen werde. Zu grotesk erschien es doch der Nummer eins der Allfinanzvertriebe, dass die Nummer zwei nach der Übernahme durch den Schweizer Versicherer Swiss Life immer noch mit Werbeslogans wie „Unabhängiger Finanzdienstleister" oder auch „Europas Nummer 1 zur unabhängigen Finanzoptimierung" und „Unabhängige ganzheitliche Finanzberatung" umherwirbelte.

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Mit dem Begriff „Unabhängigkeit" sollte nun Schluss sein: Quasi vor der eigenen Haustür hat das Landgericht Hannover entschieden (AZ: 18 O 193/08), dass die Tochter der Schweizer Versicherung Swiss Life nicht mehr mit dem Begriff „Unabhängigkeit" werben darf. Das Landgericht begründete, die Unabhängigkeit für den AWD sei zum einen nicht mehr gegeben, da das Mutterunternehmen Swiss Life wirtschaftlich gesehen jederzeit Einfluss auf seine Tochter AWD nehmen könne. Entscheidend ist hier nicht, ob dies der Schweizer Versicherer jemals macht, entscheidend ist, dass er es könnte - umso mehr, als der Macher und Gründer des Hannoveraner Vertriebs, Carsten Maschmeyer, das Unternehmen verlassen hat und in den Aufsichtsrat des Schweizer Versicherers „befördert" wurde.

Für AWD ist eine Klage der DVAG nichts Neues. „Ähnliches haben wir bereits im Jahr 2000, kurz vor unserem Börsengang, erlebt", erklärt Sprecher Bela Anda. Schon da urteilte das Gericht - damals das Landgericht Frankfurt/Main - gegen AWD. Nur vier Wochen später hob es dieses Urteil jedoch wieder auf. Seitdem nennt sich AWD - zwar von der DVAG bekämpft, doch von Gerichten unbehelligt - „Europas größter unabhängiger Finanzdienstleister". Daher fühlt sich der Hannoveraner Finanzoptimierer noch lange nicht geschockt und hat schon per Revision die nächste Runde eingeläutet. „Wir gehen also frohen Mutes und mit vollem Selbstbewusstsein in die neue Auseinandersetzung vor dem OLG Celle", so Anda gegenüber finanzwelt.

Übrigens: Im Gegenzug hatte der AWD gegen die DVAG-Formulierungen „Weltweite Nummer 1 der eigenständigen Finanzvertriebe" und „Weltweit größter eigenständiger Finanzvertrieb" geklagt. Auch hier hat das Gericht entschieden, dass diese Formulierungen von den Frankfurtern nicht mehr genutzt werden dürfen, denn schließlich agiert die DVAG zwar in Europa, aber nicht auf der ganzen Welt. Das heißt: Auch die DVAG muss ihren Werbespruch abändern.

Schlimmer kann das Ganze jedoch für den AWD werden. Dann nämlich, wenn (und das macht das Ganze noch prekärer) Prof. Dr. Pohl ernst macht und auf den roten Knopf drückt: Denn obwohl der AWD natürlich umgehend Berufung gegen das Urteil angekündigt hat, könnte das Urteil vorläufig vollstreckt werden - und zwar vom Kläger, der DVAG. Ob die Frankfurter so weit gehen, bleibt abzuwarten, denn die DVAG müsste dann für den ganzen Spaß eine Sicherheitsleistung von 3 Millionen Euro stellen. Sollte dies geschehen oder die Berufung erfolglos ausgehen, wird dann die seit mehr als 20 Jahren bestehende zentrale Werbebotschaft des AWD „UNABHÄNGIG" aufs Abstellgleis gelegt. Eine Situation, die sich AWD-Gründer Maschmeyer sicher niemals hätte vorstellen können. Noch schlimmer sind dabei die Fristen fürs Abändern der Werbebotschaften. So muss das Wort „unabhängig" innerhalb von einem Monat aus dem Internet und innerhalb von drei Monaten bei den restlichen Werbungen (Fahnen, Fernsehen, Plakate, Bandenwerbung etc.) herausgenommen werden. Wirbt das Unternehmen weiterhin mit dem Begriff „Unabhängigkeit", werden bei einem Verstoß bis zu 250.000 Euro fällig.

Wie das Ganze in dem kurzen Zeitraum durchführbar sein soll? „Wie schnell die aufgrund des erstinstanzlichen Urteils benannten Maßnahmen umzusetzen sind, prüfen wir. Gut ist, dass wir schon vor Monaten begonnen haben, unsere Werbung stark auf den Slogan 'mehr Netto' abzuzielen", so Anda. Interessant wird jedoch sein, wie sich die Unternehmenskultur verändert und sich die Finanzberater des AWD oder auch die AWD-Kunden künftig verhalten werden. Denn auch wenn es zeitlich sehr eng wird: Eine Werbung kann man abändern, jedoch dauert der Aufbau eines neuen Unternehmensimages bzw. die Identifikation eines Beraters eben mit der neuen Firmenphilosophie Jahre. So wäre es nicht verwunderlich, wenn nicht bereits die ersten Vertriebe oder mancher Versicherer, der noch Manpower für seine Ausschließlichkeit braucht, bereits bei dem einen oder anderen AWD-Berater angeklopft hat. Ebenso werden die AWD-Kunden sicher auch bald Besuch von anderen Beratern bekommen mit den netten Worten „Ich weiß nicht, ob sie es schon wussten, aber der AWD ist nicht unabhängig". Doch noch ist der Kampf der Giganten nicht zu Ende. Die nächste Runde wurde bereits eingeläutet.

Erwischt es noch mehr? Eine weitere Begründung gegen die Unabhängigkeit war für das Gericht, dass der AWD auf Beratungsebene nicht unabhängig sei. So wäre das Unternehmen hierarchisch gegliedert. Beispielsweise greifen alle AWD-Berater auf eine universelle IT zu. So besteht die Möglichkeit, Einfluss auf den Berater und somit auf das Ergebnis bei der Kundenberatung zu nehmen. Also keine unabhängige Beratung. Fraglich ist jedoch, ob nicht auch andere unabhängige Vertriebe und Pools sich dann nicht mehr „unabhängig" nennen dürfen. Denn: Wenn die „Abhängigkeit" von einer vertriebsunterstützenden Software schon ausreicht, um nicht mehr unabhängig zu sein, dann wäre der „AWD-Fall" nur der erste Stein in einem Dominospiel.
(Marc Oehme)

Quelle FINANZWELT